So malt es sich hinter Gittern
Freizeitangebote in der Pöschwies
Für Inhaftierte gibt es in der Justizvollzugsanstalt (JVA) Pöschwies in Regensdorf ein breites Freizeitangebot. Die Bülacher Kunstmalerin RitaMaria Wepfer-Tschirky ist Leiterin der Malkurse.
Wer zum ersten Mal vor den Toren der Justizvollzugsanstalt Pöschwies steht, bekommt ein mulmiges Gefühl. Alles ist hermetisch abgeriegelt. Stacheldrahtzäune umgeben das Areal. Immer wieder hört man Hundegebell. Für RitaMaria Wepfer-Tschirky gehört diese Szenerie zum Alltag. Seit 13 Jahren erteilt die ehemalige Galeristin abends Malkurse für die inhaftierten Männer – anfangs einmal pro Woche, inzwischen dreimal. Die Kurse sind beliebt.
Im Werkraum stellt sie Papier, Farben und Pinsel bereit. Am heutigen Dienstagabend sind drei Inhaftierte für den Kurs eingetragen. Die Kursleiterin kennt alle drei, weiss einiges über deren Vergangenheit, ist allerdings zu Stillschweigen verpflichtet. Alle drei Männer wurden zehn Minuten vor Kursbeginn aufgerufen, haben eine blaue Karte erhalten, die sie berechtigt, sich von ihrer Zelle in den entsprechenden Kursraum zu bewegen. RitaMaria Wepfer-Tschirky begrüsst ihre Kursteilnehmenden routiniert und freundlich. Alban Adlovic* (sämtliche Namen geändert) holt sich sein am letzten Dienstag fertiggestelltes Bild mit einigen Tieren und dem Schriftzug «Gucci» und betrachtet es. «Kann ich noch ein bisschen Glitzer drauftun?» RitaMaria Wepfer-Tschirky gibt Tipps, lässt vor allem aber viel Spielraum für Kreativität. «Kitschig», urteilt sie über den Glitzer, der inzwischen aufgrund des Trocknungsversuchs mit einem Föhn teilweise auf dem Boden verteilt ist. Adlovic nimmt ihr die Worte nicht übel. Immer wieder wird gelacht. Das Bild wird zum Trocknen auf die Seite gestellt. Adlovic nimmt sich des nächsten Projekts an und steht auf. «Es wäre mir sympathisch, wenn Sie absitzen würden», sagt die Kursleiterin bestimmt. Der kräftig gebaute Mann gehorcht ihr aufs Wort. Er zeigt sich gesprächig, erzählt über die Gründe, warum er hier sitzt. Er möge es, in der Malgruppe seine Kreativität ausleben zu können. Und ja, in der Pöschwies sei es ganz ok. Aus der U-Haft kenne er strengere Gefängnisse. «Die Wärter sind eigentlich ganz nett.» Mehr Aussagen lässt Wepfer-Tschirky nicht zu. «Herr Adlovic, Sie kennen die Regeln.»
Es geht um Respekt von beiden Seiten
Sie könne sich gut abgrenzen und habe in all den Jahren noch nie Angst gehabt. «Die Insassen sind Menschen, die ich mit Respekt behandle. Wenn sie mich allerdings nicht respektvoll behandeln, werde ich klarer.» In einer kritischen Situation habe jeder Kursleitende die Möglichkeit, auf den Notfallknopf zu drücken. Dies habe sie noch nie in Anspruch nehmen müssen. Abu Aslan* hat sich inzwischen an seinen Platz am Fenster gesetzt. Vor ihm liegt ein Bild mit einer Moschee. Er komme ursprünglich aus der Türkei, erzählt Aslan in gepflegtem Hochdeutsch. Mehr von sich möchte er nicht erzählen, nur dass er gerne in diese Malgruppe komme. «So kann ich für eineinhalb Stunden den Knastalltag vergessen.» Früher habe er nie viel mit Kunst zu tun gehabt. «Frau Wepfer gibt uns Tipps, hilft uns, lässt uns auch viel Raum für eigene Entfaltung.» Nach einer guten halben Stunde, in welcher er sich in Kunstbücher vertieft hat, nimmt er einen weissen Farbstift zur Hand. «Jetzt habe ich eine Idee.»
Um 19.45 Uhr gehen die Zellentüren zu
Wladimir Wassilijew* sitzt sehr ruhig da, unternimmt keine Anstalten, etwas zu produzieren. Nur selten huscht ein Lächeln über die Lippen des Litauers. Stolz zeigt er auf Fotografien seiner bisher gemalten Bilder, welche Talent erahnen lassen. «Bei ihm geht es um Präzision», erklärt Wepfer-Tschirky. Als einer der wenigen Kursteilnehmer wolle er mit Öl auf Leinwand malen. Das passende Format steht am heutigen Abend nicht zur Verfügung. Die Kursleiterin wird es bis zum nächsten Dienstag besorgen. Um zehn nach sieben wird aufgeräumt. Ein letzter Scherz, ein letztes gemeinsames Lachen. Gemeinsam gehen Kursleitende und Inhaftierte einen Stock tiefer, geben sich die Hand. Einige der Männer umarmen sich kurz, freuen sich, einander zu sehen. Um 19.45 Uhr ist Feierabend. Die Zellentüren gehen zu. Dann ist jeder einzelne mit seinen Gedanken und seiner Geschichte allein, bis es am nächsten Morgen zur Arbeit geht.
95 Prozent der Inhaftierten werden wieder entlassen
Justin Fisch ist stellvertretender Leiter Bildung & Freizeit. Nebst der Malgruppe gibt es diverse andere Freizeitangebote – vom Gitarreunterricht über Schachgruppe, Modellbaukurs, begleitetes Surfen im Internet bis hin zu verschiedenen Sportangeboten wie Kraftraum, Fitnessturnen, Yoga, Badminton und Fussball. «Im Vollzug ist es nicht relevant, welches Delikt begangen wurde. Wichtig ist das Verhalten.» Halte man sich an die Regeln, könne man von allen Freizeitangeboten profitieren. Diese würden sehr gut genutzt. Oftmals bestehe eine Warteliste von einigen Monaten. Ziel der Freizeitangebote sei nicht nur, das Zusammenleben im Gefängnis einfacher zu machen, sondern zu einer gelungenen Resozialisierung beizutragen. «95 Prozent der Inhaftierten werden nach rund drei Jahren wieder entlassen. Derzeit sitzen 56 Personen ein, welche zu einer lebenslangen Freiheitsstrafe, einer Verwahrung oder einer stationären Massnahme verurteilt wurden.»
Geleitet werden die Freizeitkurse hauptsächlich durch Mitarbeitende der JVA – am Tag uniformiert, am Abend zivil unterwegs, losgelöst von der Rolle, welche sie tagsüber innehaben. «Frau Wepfer-Tschirky ist eigentlich eine Ausnahme.» Justin Fisch zeigt den Medienschaffenden weitere Räumlichkeiten wie Turnhalle, Kraftraum (ohne Glas-, nur mit Folienspiegeln), Aula und Fussballplatz. «Hier spielt unser hausinterner FC Inter Pöschwies gegen externe Mannschaften.» Fisch erklärt die Finanzierung der Freizeitangebote. Es bestehe ein Unterstützungsfonds der JVA, der sich aus Sponsoring und aus Beiträgen der Inhaftierten zusammensetze. «Wenn Insassen einen Fernseher mieten wollen, gelangt dieser Betrag in den Fonds, genauso wie allfällige Bussen nach bestimmten Vergehen.»
Justizvollzugsanstalt (JVA) Pöschwies
Die JVA Pöschwies in Regensdorf ist mit 399 Plätzen für straffällige Männer die grösste Justizvollzugsanstalt der Schweiz. Eingewiesen werden volljährige Männer, die zu einer Freiheitsstrafe von mindestens einem Jahr, zu einer stationären Massnahme oder zu einer Verwahrungsmassnahme verurteilt worden sind. Die durchschnittliche Aufenthaltsdauer in der JVA beträgt rund drei Jahre. Über 300 Fachpersonen arbeiten auf eine Wiedereingliederung der Inhaftierten in die Gesellschaft hin. Wenn ehemalige Strafgefangene nach ihrer Freilassung deliktfrei leben, dient das der Sicherheit der Gesellschaft. Die Hälfte der inhaftierten Männer sitzt wegen eines Delikts gegen Leib und Leben im Gefängnis, bei je einem Viertel sind es Finanzdelikte und Betrug sowie Verstösse gegen das Betäubungsmittelgesetz. (rhd)

Bericht im Zürcher Unterländer vom Donnerstag, 08. August 2024
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